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Aktuelle Betrachtung aufgrund der Tragödie an der «Love-Parade» von Duisburg vom 24. Juli 2010Die mediale Präsenz dieser Tragödie lässt uns alle Anteil nehmen am Schicksal der Opfer. Bis anhin gibt es 21 Tote zu beklagen und über 500 physisch Verletzte werden berichtet. Die Trauer und das Entsetzen, wie auch die Unfassbarkeit der Vorkommnisse sind gross. Viele Fragen sind offen, die Schuldfrage wird wohl noch lange zu reden geben. Geschickt werden Schicksale zu Gunsten der Medienunternehmen gesammelt und profitabel weiterverbreitet. In meinem früheren Beruf als Pflegefachfrau in einer universitären Unfallklinik, kam ich unzählige Male in Berührung mit schwerst traumatisierten Menschen und deren Angehörigen. Schon damals half mir meine Spiritualität enorm, diese Menschen umfassend in ihrem Schicksal zu begleiten. Und ich kann sagen, obwohl das aktuelle Augenmerk v.a. auf die Verstorbenen gerichtet ist, die Opfer welche überlebten, die müssen wieder zurück ins Leben finden, irgendwie lernen weiter zu leben, das Unfassbare fassbar machen und in die eigene Lebensgeschichte integrieren…
"Diese liebevolle Empfindung, diese Fest-Freude und Trance-Stimmung trifft nun auf brutalste Art und Weise auf Panik, Chaos, Todesangst, Tod und Entsetzen."
Ja, die heutige Unfallmedizin ist weiter vorangeschritten, sogenannte Care-Teams sind gemeinsam mit den Ambulanzen vor Ort und kümmern sich um die erste Hilfe psychischer Wunden. Doch erfahrungsgemäss wird bei der Betreuung der Verwundeten noch immer die spirituell-geistige Ebene massiv vernachlässigt. Betrachten wir die Situation der Opfer und damit meine ich zuerst einmal die Menschen, welche direkt in die Massenpanik der Love-Parade in Duisburg involviert wurden. Was wirkte auf sie ein? Beginnen wir mit der Wirkung von Technomusik, welche ja der Wesentliche Bestandteil einer Love-Parade ist. Auch ohne Einnahme von Rauschmitteln wie Alkohol oder anderen Substanzen wirkt diese Musik berauschend: einerseits wird das Physische abgedämpft und andererseits bewirkt dieser Musikstil eine Lösung der seelisch-geistigen Wesensglieder und damit auch eine Lockerung des Ich's. Somit ist der damit bespielte Mensch oftmals nicht mehr Herr seiner Sinne. Sublime Botschaften, Rauschmittel und andere äussere Einflüsse[1] können praktisch schrankenlos passieren und ihre Wirkung entfalten. Man kennt das Phänomen, dass alleine durch den Genuss solcher Musik (verstärkt noch durch monotone Tanz-Bewegungen) rauschähnliche Zustände erfolgen können. Natürlich spielt auch der Drogenkonsum (und damit meine ich auch den Alkoholgenuss) in der Party-Szene eine sehr wichtige Rolle. Die primären Auswirkungen sind im Wesentlichen bekannt. Aus spirituell-geistiger Sicht sind sie noch verheerender wie die Technomusik. Abgesehen von den primären Symptomen möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Wesensglieder derart manipuliert werden, dass wirklich ernsthafte Probleme im seelisch-geistigen Gefüge eintreten können: An die Stelle des Ichís tritt die Droge mit seinen zum Teil dramatischen bewusstseinsverändernden Wirkung. Man muss sich gewahr sein, dass gewisse Drogen (auch Haschisch) zum Teil noch tagelang im Körper nachgewiesen werden können. Ich möchte mit diesen Ausführungen ganz bestimmt nicht die Techno-Szene verurteilen, mir geht es einzig darum aufzuzeigen, wie vulnerabel die betroffenen Partygänger/Opfer gerade hinsichtlich der Begleitumstände, waren und immer noch sind. Fragt man sich nun, was für Motive hinter dem Besuch einer Love-Parade, evtl. verbunden mit Drogenkonsum stehen, dann überwiegen sicherlich der Spass am Feiern, das Gruppenerlebnis, die Freude an der Musik, u.ä. Besonders sind an dieser Art des Feierns jedoch, wie ich zuvor ausführte, die speziellen rauschhaften Erfahrungen. Gerade junge Menschen suchen aufgrund einer tief empfundenen Sehnsucht, mystische und transzendente Erfahrungen. Die Rauscherlebnisse suggerieren eine Art wiedergefundene Heimat, was ja auch in einem gewissen Sinne stimmt; der sichere Weg dazu wäre jedoch ein anderer... Eine historische Skizze beschreibt die Motive für den Haschisch Konsum, vor allem in der östlichen Welt wiefolgt: «Die mystische Erfahrung, dass die ganze Welt von göttlicher Weisheit durchzogen und die Schöpfung dadurch eine Einheit ist. Für den Marihuana- und Haschischkonsumenten wird das zu einer unittelbaren Erfahrung, einem gefühlsmässigen Wissen, das als liebevolle Empfindung erlebt wird.» [2] Diese liebevolle Empfindung, diese Fest-Freude und Trance-Stimmung trifft nun auf brutalste Art und Weise auf Panik, Chaos, Todesangst, Tod und Entsetzen. Was wurde hier unwiderruflich zerstört? Wer mag bei einem solchen Ereignis nicht an einer göttlichen Weisheit zweifeln? Hier einige stichwortartige Aussagen, frei zitiert aus den unzähligen Berichten Betroffener: «Ich fühlte mich hilflos, ich dachte ich würde Sterben, ich habe mit dem Leben abgeschlossen, ich fiel in ein Loch, unter/neben mir starben Menschen, ich konnte nicht helfen, ich wollte einfach fliehen, ich fühle mich mitschuldig…» Aus der Traumaforschung weiss man, dass solche Ereignisse, auch wenn man nicht physisch verletzt ist, massivste psychische Traumatas bewirken können. Ist man in ein solch elementares Ereignis involviert, dann setzt im Körper instinktiv ein Überlebensprogramm ein, welches nicht mit der Rettung und Erstversorgung beendet ist, sondern immer wieder aktiviert wird, sobald ein spezifischer Trigger-Punkt[3] aktiviert wird. Man nennt dies dann Posttraumatische Belastungsstörung und der betroffene Mensch, sofern es erkannt wird, wird dementsprechend psychologisch (mehr oder weniger erfolgreich) therapiert. Nicht selten erfolgt der Griff zur Selbstmedikation, bekannter weise sind gerade Rauschmittel wie Alkohol und Drogen aber auch Schmerz- und Schlafmedikamente die Mittel der Wahl. Ihre (verdrängende) Wirkung auf die vorhandenen Belastungs-Symptome wie Stress, Angst, Depression, Unruhe ist leider vorhanden und der betroffene Mensch im Teufelskreis gefangen: Zuerst spürt man eine trügerische Linderung, doch darauf erfolgt der Kater und die Problematik wird verstärkt. Man weiss auch, dass die Selbstmordrate unter schwersttraumatisierten Menschen enorm ist, neueste Berichte über die Suizidhäufigkeit von amerikanischen Kriegsveteranen (Irak-Krieg) lassen aufhorchen. Was geschieht aber bei Traumatas hinsichtlich der spirituell-geistigen Dimension? Wie ich bereits erwähnte, sind sowohl Traumatas mit körperlicher Verletzung als auch Traumatas, die «lediglich» psychisch wirken, dadurch traumatisch, dass als Erste Hilfe ein angeborenes körperliches Reaktionsmuster (Posttraumatische Belastungsstörung) aktiviert und dann nicht wieder aufgelöst wird. Es wird u.a. als Körpererinnerung gespeichert. Die Seele, bzw. das sich inkarnierende Selbst, zieht sich aus dem Leib durch Dissoziation zurück und dekarniert, eine Extremform davon ist die Out-of-body-experiences. Aus der Sicht der betroffenen Person werden hier meistens gänzlich unbekannte Bewusstseinsräume betreten. Diese zu tiefst beeindruckenden Erlebnisse, können tatsächlich die gesamte Sichtweise und Lebensauffassungen verändern. Schwierigkeiten treten dann auf, wenn aufgrund der anhaltenden Belastungsstörung, unter Stress diese dissoziative Reaktion aktiviert wird und der Betroffene sich oder Anteile seiner selbst, immer wieder in den Welten verliert. Dissoziation ermöglicht dem Menschen weiterzuleben, ohne den mit dem Trauma verbundenen Schmerz aushalten zu müssen. Sensibilitätserhöhungen, Verfeinerung der Wahrnehmung, Öffnung für andere Wahrnehmungsdimensionen können sich positiv auf den Betroffenen auswirken, jedoch auch belastend und verunsichernd sein. Oftmals stehen die Betroffenen mit ihren Erfahrungen alleine da, fühlen sich isoliert gegenüber ihrer Umwelt. Besteht dann noch zusätzlich ein ineffizientes Verarbeitungsmuster wie beispielsweise der Griff zu Drogen wie Alkohol oder Haschisch, verschlimmern sich die Symptome zusehends. Man kann nur unschwer erkennen, dass mit dieser Love-Parade-Tragödie eine sehr sensible Bevölkerungsgruppe betroffen ist. Gerade bei jungen Erwachsenen befindet sich die seelische-geistige Entwicklung in einer heiklen Phase – die ungefestigte Lebenssituation, die Umbruchphasen wie Schulabschluss, der Einstig und die Orientierung im Berufsleben, die Selbstständigkeit und das auf den eigenen Füssen stehen wurde grundlegend erschüttert. Ein grosses Loch wurde aufgerissen, welches sich sofort mit unzähligen Schicksalen vulnerabler Jugendlicher füllte. Ob und wie dieser Schaden jemals wieder gerichtet werden kann, ist nicht absehbar. Weiten wir den Blick auf die zusätzlich betroffenen Menschen: die (oftmals überforderten) Helfer vor Ort, die Angehörigen zuhause, die zuerst unbeteiligten Partygänger, die Millionen von Zuschauern der medialen Berichterstattung – sie alle wurden sogenannt «stellvertretend traumatisiert», mit mehr oder weniger starken Auswirkungen. Und bedenkt man, dass all dieser Schmerz, dieses Leid im morphogenetischen Feld nun eingeprägt ist, dann kann man sich beileibe nicht einfach hinter dem Bildschirm oder der Zeitung verstecken. Irgendetwas bleibt hängen, irgendein Elemental findet seine Resonanz oder wird gar durch die Emotionalität gebildet – wir alle, sind davon betroffen. Man kann sich aber auch Fragen, was hat dies neben der riesigen solidarischen Betroffenheit und dem enormen Mitgefühl sonst noch ausgelöst? Wut auf die Behörden, Wut auf den Veranstalter, also ein kollektives Wut-Elemental?[4] Neue spirituelle Einsichten dank der forcierten Lockerung? Emotionale Abstumpfung durch die Traumatisierung und der folgenden, evtl. medikamentösen Behandlung oder Drogenmissbrauchs? Wurden evtl. neue Triggerpunkte geschaffen, welche eine grosse Bevölkerungszahl manipulierbarer macht? Man darf nicht vergessen, dass das individuelle menschliche Ich, der wesentliche Teil des freien Menschen, hier massivst angegriffen wurde. Es war einer Furcht ausgesetzt, ansatzweise vergleichbar mit dem Terroranschlag vom 11. September 2001, welcher noch Jahre später die Menschen weltweit erschauern lässt und aufgrund dessen, die Regierung der USA, den Krieg gegen den Terror und umfassenden (freiheitseinschränkende) Gesetzesänderungen, praktisch ohne Widerstand umsetzen konnte. «Furchterzeugung ist eine uralte Waffe aller Tyrannen... Furcht vor dem Verlust der Freiheit, des Lebens, der körperlichen Integrität, der Gesundheit, der wirtschaftlichen Existenz der beruflichen Lebensstellung, des Vermögens, der Ehre.» [5] ©Nadja Haddon, praxis rosal – Gedanken zu spirituellem Leben – 29. Juli 2010
[1] Ideale Bedingungen für Mind-Controll oder Gehirnwäsche, nicht wahr? [2]Aus: Ron Dunselman, An Stelle des Ich, Rauschdrogen und ihre Wirkung, Verlag Freies Geistesleben, 1996, S. 131 [3] Das können beispielsweise ein bestimmtes Geräusch, ein helles Licht (welches an die Autoscheinwerfer des Unfallautos erinnert) oder Bilder sein. [4] Siehe dazu meinen Artikel Das neue BewusstSein und das Bedürfnis «Gutes zu tun» [5]Karl Heyer, Wesen und Wollen des Nationalsozialismus, Perseus Verlag Basel, 1991, S. 65 |

